ADHS und Erwachsene: Einführung – Entstehung – Und nun?

ADHS-Betroffene gelten meist als “lebhaft, sehr kreativ und humorvoll”, als äußerst hilfsbereit, fantasievoll und sensibel, zudem charmant, stets für Neues aufgeschlossen und risikofreudig. Darüber hinaus schreibt man ihnen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu.

Beispiel: Hermann Hesse in der Kindheit

Dass dies auch eine Kehrseite hat, lässt sich recht deutlich an der Biografie des Nobelpreisträgers Hermann Hesse ablesen. Bereits als Einjähriger soll er verwegen auf Bänkchen und Tischchen herumgeklettert sein und den “Engelein Arbeit gemacht [haben], ihn zu hüten”. Im Kindergarten – damals war er vier - habe sein stürmisches Wesen Anlass zu großer Sorge gegeben. Allerdings sei er so zart und oft so drollig gewesen, dass er seiner Mutter sehr am Herzen gelegen sei. Ständig fiel ihm etwas Neues ein - unablässig plapperte er drauflos und war immer zu neuen Taten, guten wie auch bösen, aufgelegt. Als er fünf war, erklärte seine Mutter, schon allein die Nennung des Namens Hermann mache ihr Angst, was denn nun schon wieder passiert sei. Und als er sechs Jahre alt war, empfand sie die Situation als so demütigend, dass sie ernsthaft daran dachte, ihn in eine Anstalt oder zu Pflegeeltern zu geben. Sie selbst hätten zu schwache Nerven, seien ihm einfach nicht gewachsen.

Hermann Hesse als Jugendlicher und Erwachsener

Als er zwölf Jahre alt war, betete seine Mutter zu Gott, dass sein Fleiß und sein Betragen sich besserten; oft sei es so schlimm, dass sich erneut die Frage stelle, was sie mit ihm machen sollten.

In den darauf folgenden Jahren war sein Leben von einer Gebetstherapie zur Austreibung des Dämons, von Selbstmordversuchen, mehrfachen Aufenthalten in Pflegeanstalten, kurzfristigen Schulbesuchen und vergeblichen Versuchen, das Abitur zu machen, bestimmt. Eine Buchhandelslehre, sodann eine Lehre in einer Uhrenfabrik und eine neuerliche im Buchhandel brach er ab; schließlich wurde er als Faulenzer, Tunichtgut und abschreckendes Beispiel hingestellt.

Zum Zeitpunkt seiner Volljährigkeit schrieb seine Mutter: “Bei manchen unserer Kinder haben wir tief unten durch müssen. Was da ein Elternherz durchmacht, weiß Gott, aber von Menschen nur, wer ähnliches erlebt.”

Das Problem: Die richtige Diagnose

Heute werden zahlreiche erwachsene Patienten, bei denen die Diagnosen “depressiv”, “dissozial” oder “drogen- und alkoholabhängig” lauten, mehr oder weniger erfolglos behandelt, weil die Grundkrankheit nicht erkannt wurde: ADHS.

Auch heute gilt dieses Leiden vielfach noch als eine Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Bei einer Prävalenz im Erwachsenenalter von 1 bis 6 Prozent, verglichen mit 5 bis 9 Prozent im Kindes- und Jugendalter bedeutet dies, dass bis zu zwei Drittel der Kinder ihre Erkrankung “mit ins Erwachsenenalter nehmen”.

Da das Krankheitsbild häufig kaum bekannt ist und deswegen häufig nicht diagnostiziert wird, kommt es zu einer Veränderung im zeitlichen Verlauf der Symptomatik. Die Betroffenen werden zumeist äußerlich ruhiger und fallen weniger auf; folglich nimmt man an, dass die Problematik sich gelegt hat. Dabei übersieht man allerdings, dass die Grundprobleme weitgehend unverändert bestehen geblieben sind: Schwierigkeiten hinsichtlich Ordnung und Organisation, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, häufig auch ausgeprägte Beziehungsprobleme sowohl im privaten wie auch im beruflichen Umfeld.

Auch bei Erwachsenen finden sich typische Symptome

Typische Symptome von ADHS im Erwachsenenalter sind Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, leichte Ablenkbarkeit in Verbindung mit häufigem Wechsel von einer Beschäftigung zu einer anderen, zeitlich beschränkte Lernfähigkeit — schon nach einer kurzen Anstrengung muss der Patient aufstehen. Bei längeren Vorträgen oder Präsentationen werden kognitive Inhalte oft nur unvollständig erfasst. Die Unfähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, außer wenn es sehr interessant ist, führt zu häufigen Gedankensprüngen und Flüchtigkeitsfehlern. Die Betroffenen lassen Gegenstände liegen oder vergessen Aufträge; im beruflichen Bereich wie auch im Haushalt herrscht Unordnung, ja, Chaos.

Bei einer ausgeprägten Symptomatik mit Hyperaktivität und Impulsivität kommt es zu ständigem Trommeln mit den Fingern oder Wippen mit den Füßen; bei Gesprächen oder Telefonaten wandern die Betroffenen ständig oft regelrecht hektisch umher. Längere Zeit ruhig zu sitzen oder aufzupassen empfinden sie als unangenehm. Ständig verspüren sie eine innere Unruhe und neigen zu unüberlegten spontanen Handlungen. Die Frustrationstoleranz ist deutlich eingeschränkt, und nicht selten kommt es zu unkontrollierten Wutausbrüchen.

Bei Besprechungen neigen sie dazu, ständig in Gespräche hineinzuplatzen und andere nicht ausreden zu lassen; im Straßenverkehr werden sie sehr rasch ungeduldig und gehen riskante Manöver ein.

ADHS: Wie kommt es dazu?

Bei ADHS handelt es sich um eine neurobiologische Funktionsstörung aufgrund genetischer und umweltbedingter Faktoren, wobei die genetische Komponente besonders ausgeprägt ist, vor allem bei Patienten, deren Form von ADHS im Erwachsenenalter fortbesteht.

Meist sind mehrere Familienmitglieder betroffen, isolierte Erkrankungen sind eher selten. Bei Angehörigen ersten Grades erhöht sich das Risiko, ebenfalls an ADHS zu leiden, um das Fünffache. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist offenbar eine relativ große Anzahl von Genen an der Entwicklung von ADHS beteiligt. Allerdings trifft man nicht immer spezifische Gene an, vielmehr konnten etliche auch bei anderen psychischen Erkrankungen nachgewiesen werden. Heute geht man daher von bestimmten ADHS-Subtypen aus, z.B. der Kombination von ADHS mit Störungen des Sozialverhaltens oder von ADHS mit depressiven Störungen.

Untersuchungen haben ergeben, dass Gene, die neuronale Systeme beeinflussen - insbesondere die Transmittersysteme Dopamin und Noradrenalin -, beteiligt sind. Dies zeigt, dass es sich um eine Störung des Gleichgewichts und der Interaktion mehrerer Neurotransmittersysteme handelt.

Wie steht es mit komorbiden Erkrankungen im Erwachsenenalter?

Die ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter schließt die Feststellung etwaiger komorbider Leiden ein.

Es handelt sich dabei um eine komplexe klinische Diagnose, die durch einen Psychiater oder Nervenarzt erfolgen muss und klinische Erfahrung, sowie eine genaue Kenntnis des Krankheitsbildes im Erwachsenenalter erfordert, da die zentrale Symptomatik mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität nur begrenzt spezifisch ist. Sie tritt auch in Verbindung mit anderen schwerwiegenden psychischen Erkrankungen auf.

Diagnostische Hilfen sind diverse Selbstbeurteilungsverfahren und Fremdbeurteilungen. Beispielsweise hat sich die Wender-Utah-Rating-Scale zur retrospektiven Diagnostik von ADHS-Symptomen im Kindesalter bewährt. Auf zusätzlichen Beurteilungsbögen können der Patient und ihm nahestehende Personen Informationen liefern, inwieweit diagnostische Kriterien nach ICD-10 vorhanden sind.

Im Rahmen einer Verlaufsbeobachtung lässt sich durch wiederholte Anwendung der Skalen der Behandlungserfolg überprüfen.

Bei Menschen mit ADHS besteht ein erhöhtes Risiko, zusätzliche psychische Störungen zu entwickeln. Kinder leiden oft unter Lernstörungen und neurologischen Entwicklungsdefiziten, Tics und Störungen des Sozialverhaltens; Jugendliche haben möglicherweise Probleme mit Alkohol und Drogen, und bei Erwachsenen kommt es um ein Vielfaches häufiger zu Persönlichkeitsstörungen und Angststörungen sowie depressiven und bipolaren Störungen. Daher ist in diesen Fällen der Bedarf an therapeutischen Hilfen im Vergleich höher. Außerdem birgt vor allem der Nikotinabusus vieler Betroffener im Sinne einer Selbsttherapie gravierende zusätzliche Gesundheitsrisiken in sich.

Bei Menschen mit ADHS kommt es weit häufiger zu Unfällen zu Hause, in der Arbeit, in der Schule oder bei Freizeitaktivitäten; die Folge sind oft schwerwiegende gesundheitliche Probleme.

Betroffene im Erwachsenenalter wechseln viel häufiger den Arbeitsplatz. Oft sind auch etwaige Partnerschaften konfliktreicher, instabiler und von kürzerer Dauer. Die Scheidungsraten liegen höher, und die Kindererziehung baut zusätzliche Spannungsfelder auf; da häufig auch die Kinder an ADHS erkranken, ergeben sich immer wieder neue Konfliktbereiche, die die Familien als ganze belasten.

Im Straßenverkehr fallen ADHS-Betroffene durch Geschwindigkeitsüberschreitungen, Fahren ohne Führerschein, Fahren unter Alkoholeinfluß, kurz: durch eine generelle Tendenz zu Regelüberschreitungen auf. Bei ADHS-Kranken mit Störungen des Sozialverhaltens und speziellen Persönlichkeitsstörungen kann es zu dissozialem Verhalten kommen. So ist bei inhaftierten jungen Männern die Rate von ADHS-Betroffenen überdurchschnittlich hoch.

Das häufig deutlich erhöhte Risiko zusätzlicher psychischer Erkrankungen, die damit verbundenen Gesundheitsprobleme und in der Folge die sozialen Einschränkungen sowie zusätzliche soziale Spannungen aufgrund von Problemen am Arbeitsplatz, in der Ehe, in der Familie oder im sonstigen persönlichen Lebensumfeld, all diese Belastungen erschweren Menschen mit ADHS eine adäquate Lebensbewältigung in erheblichem Maße.

Ich habe ADHS: Was nun?

Aus der Diagnose ADHS ergibt sich nicht automatisch eine spezifische Behandlungsfolge, vielmehr handelt es sich dabei um eine diagnostische Einschätzung, die eine erste Erklärung für bestimmte Symptome und Probleme liefert.

Nach der Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter stellt sich die Frage nach geeigneten Therapien.

Psychoedukation, Psychopharmaka und Psychotherapie, einzeln und kombiniert (multimodale Therapie), zielen auf Symptomverringerung, Steigerung des Selbstwertgefühls und Verbesserung der Lebensqualität.

Im Rahmen eines sogenannten multimodalen Therapiekonzepts will man durch Beratung, Psychoedukation, medikamentöser Behandlung, Psychotherapie sowie Coaching und Behandlung komorbider Störungen einen entsprechenden Behandlungserfolg erreichen. Im medikamentösen Bereich spielen Stimulanzien, eine große Rolle. In der Regel fördern sie die Konzentration und vermindern Impulsivität und Hyperaktivität. Grundsubstanz ist Methylphenidat, das in jeweils unterschiedlicher Zubereitungsform teils sofort, teils verzögert freigesetzt wird. Oft sind derlei Substanzen Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychotherapie, die auf die Bewältigung von Problemen und Schwierigkeiten zielt.

 

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