ADHS im Erwachsenenalter – gibt es nur den Zappelphilipp?

 

Diagnostik und Behandlung von ADHS

 Wer an ADHS denkt, denkt zuerst an den „Zappelphilipp“, falls das nicht zutrifft, sei klar, dass kein ADHS vorliegen könne. Das hat für viele, die darüber nachdachten ob ADHS bei ihnen vorhanden sein könnte, zur Folge, dass diese Möglichkeit nicht weiter verfolgt wird, obwohl viele Probleme vorliegen, für die es bisher keine richtige Erklärung gab. Sie wussten zwar immer schon, dass sie anders als andere waren, hatten aber bisher auch keine Erklärung dafür gefunden, warum dies so sei. Dass es auch ein ADS gibt, also eines ohne „H“, ist oft nicht bekannt. Nur etwa 1/3 der ADHS-Betroffenen weisen eine motorische Überaktivität auf, die restlichen 70% sind entweder verträumt und still oder introvertiert und gehemmt oder weisen eine entsprechende Symptommischung auf, z. B. in der Schule still und gehemmt, zuhause aufgedreht und kaum zu bändigen.

 Es wird berichtet, dass man in der Kindheit schulisch als faul eingeschätzt wurde, man hätte viel besser sein können, wenn man nur gewollt und sich angestrengt hätte, man fühlte sich in Ordnung und nur die Anderen waren die Gestörten oder man zog sich in seine Traumwelt zurück, man hatte Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit oder Lernen, man war sehr ablenkbar, konnte sich nicht hinsetzen und schriftliche Arbeiten zu Ende bringen, war zu schnell oder zu langsam, machte ständig Flüchtigkeitsfehler und war nicht in der Lage, Aufgabenstellungen zu Ende zu lesen. Man habe nie in den Kindergarten gewollt, sei ein Schreikind gewesen, konnte schlecht einschlafen oder durchschlafen, habe teils bis in die Pubertät eingenässt, sei emotional sehr labil gewesen oder habe in der eigenen Welt gelebt, war oft gelangweilt oder sehr kreativ, war Klassenclown, war zu Geburtstagen nie eingeladen worden, entweder Außenseiter oder nur ein oder zwei gute Freunde, die aber oft bis heute.

 Hausaufgaben gingen nur, wenn die Mutter ständig daneben stand, sie wurden erst kurz vor Schulbeginn abgeschrieben, man hat oft lange gelernt und erhielt trotzdem schlechte Noten, während es bei Dingen, die interessant waren, leicht fiel, sich zu konzentrieren, während die Anderen verwundert waren oder sich ärgerten, dass man es bei bestimmten Dingen konnte und bei anderen Pflichten nicht. Es wurde Hochbegabung festgestellt, in der Schule gab es manchmal auch kaum oder nie Probleme, man habe aber auch nie gelernt, Dinge zu lernen, was in der Ausbildung oder im Studium zu Schwierigkeiten führte, sich auf Prüfungen oder Seminare einzustellen. Die Folge waren erhöhte Semesterzahlen, verstärkter elterlicher Druck und zunehmende Ratlosigkeit, einen Abschluss zu erreichen.

 Unterhaltungen in der Gesellschaft wurden als sehr oberflächlich und teils auch als unerträglich empfunden, Smalltalk war fast unmöglich, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, der eigene Kopf, manche sagten dazu auch „Sturschädel“, erschwerte den Umgang mit der Umwelt. Es kam oft zu Wutanfällen nach außen wie nach innen, es dominierte eine ausgeprägte Ungeduld, man empfand die Anderen einfach als zu langsam, konnte nicht warten, man ging nicht mehr in Kinos oder ins Theater oder man ging schon in der Pause. Schlangen im Supermarkt waren ein Grund, wieder rauszugehen. Oft geht Lernen nur auf den allerletzten Drücker, erfolgreiche Prüfungen wurden aber als eigentlich nicht verdient zu haben empfunden oder nur Glück gehabt, oder wenn die Anderen wüssten, wie man sich durchgemogelt habe, man empfand sich eher als mittelmäßig, das Selbstwertgefühl war schlecht. Andererseits war man wissbegierig und neugierig, wollte alles genau wissen und untersuchen. Der Schulablauf ist geprägt durch das erste Halbjahr durchfallgefährdet und das zweite Halbjahr dann doch noch geschafft, dabei halfen Stimulanzien, Kaffee oder intensiver Sport. Man empfand sich als sehr tierlieb, konnte mit Ihnen gut umgehen, insbesondere mit Hunden.

 Zuhause herrschte oft Chaos, eine Zettelwirtschaft dominierte, man empfand sich als verplant, vergesslich, verlor viel, verlegte ständig Dinge und konnte keine Termine einhalten, kam immer zu spät. Im Sport war es entweder exzessiv oder gar nicht möglich, in der Mannschaft hatte man eine zu eigensinnige Spielweise. Sexualität war in der Pubertät sehr wichtig, oft kam es zu Störungen des Essens in Form von Bulimie oder Anorexie, es entwickelten sich Depressionen, Ängste, Zwänge, Drogenprobleme mit einer Suchtentwicklung, teils kriminelle Entwicklungen, antisoziales Verhalten, Borderlinestörungen, Spiel-, Sex- und PC-Sucht, Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus und eine restless-legs-artige Symptomatik mit unruhigen Beinen.

 Bei der Geburt sei es zu Komplikationen gekommen, Nabelschnur um den Hals und Frühgeburten.

 Adoptivkinder berichten über oft ausgeprägte Schwierigkeiten mit ihren Adoptiveltern, da diese mit ihnen und ihrer Problematik überfordert waren. Sie selbst stammten aus Beziehungen von Paaren, die selbst mit diesem Kind überfordert waren, weil sie ebenfalls ADHS hatten. Da die Adoptiveltern oft keine Erfahrung mit ADHS hatten und von der ungewohnten problematischen Entwicklung ihres Wunschkindes völlig überfordert waren, kam es oft zu gestressten Adoptiveltern, zu schweren Konflikten und Auseinandersetzungen und chronischen Überlastungen, die oft zur Scheidung führten.

 Die Kinder weisen oft eine Störung der Kommunikation auf, haben wiederholt traumatische Erfahrungen von Ausgrenzung, Mobbing und gestörten Beziehungen gemacht, ihr Selbstwertgefühl wurde erheblich beeinträchtigt, sie selbst streben nach ständiger Anerkennung, sie weisen eine große Abhängigkeit von narzisstischer Zuwendung auf, so wurden gute Leistungen ermöglicht, wenn sie sich von ihren Lehrern gemocht und anerkannt und unterstützt fühlten, umgekehrt drohte ein erheblicher Leistungsabsturz und eine Leistungsverweigerung. Die Entwicklung von psychischen Störungen, die trotz intensiver Therapie sich nicht besserten, ist typisch, es wird erzählt, man habe schon alles ausprobiert, ist emotional überempfindlich, schnell enttäuscht, fühlt sich allein gelassen, verletzlich, dünnhäutig und schnell von Reizen überflutet, vom Alltag überfordert, fühlt sich oft ausgebrannt und es werden auch oft Selbstmordgedanken berichtet.

 Während im Kindergarten und in der Vorschulzeit Unaufmerksamkeit und Impulsivität dominieren, sind es in der Jugend und Adoleszenz eher komorbide Störungen in Form von Alltagsbeeinträchtigung sowie hyper- und hypokinetische Störung des Sozialverhaltens, die soziale Kompetenzentwicklung ist beeinträchtigt, sie werden oft von Gleichaltrigen in ihren Peergroups zurückgewiesen oder schlüpfen in die Rolle des Klassenclowns.

 Mit der Schule treten affektive Störungen wie Prüfungsängste, Schulunlust, Vermeidungsverhalten, Lügen und Hausaufgabenkonflikte auf. Ausbildungsabbrüche beim Übergang ins Erwachsenenalter prägen das Bild, Neigung zu Substanzmittelabusus und Verkehrsdelikten, Diebstahl, Schlägereien erschweren das Bild, mit dem Übergang ins Erwachsenenalter verstärken sich auch die Probleme wie Desorganisation, Stimmungsschwankungen, Impulsivität, emotionale Überreagibilität, Borderlinestörungen oder bipolare Störungen, Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeit sowie soziale Isolation.

 Was steckt hinter einer ADHS:

Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt, man geht von einer neurobiologischen Funktionsstörung aus, an der genetische und umweltbedingte Faktoren beteiligt sind, lebensgeschichtliche Ereignisse und Erziehung beeinflussen die Ausprägung und den Verlauf erheblich. Oft tritt ADHS bei mehreren Familienmitgliedern auf, da sich in jeder Generation Betroffene finden lassen.

 Diagnostik:

Es wird zur Abklärung einer ADHS-Diagnose definiert, wie viele Symptome über welchen Zeitraum und in welcher Intensität vorliegen, ob diese Symptome bereits in die Kindheit zurückverfolgt werden können oder ob es in der Arbeit oder auch im Alltag oder anderen Lebensbereichen zu erheblichen Beeinträchtigungen gekommen ist.

 Neben den Kernsymptomen wie Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität werden noch weitere Kriterien erfasst, wie Desorganisation, schnelle Stimmungsschwankungen, rasche und intensive Temperamentsausbrüche und eine eingeschränkte Stresstoleranz.

 Behandlung:

Neben der Pharmakotherapie stellt sich die Frage einer psychotherapeutischen Behandlung, die von der Schwere der Symptomatik, von den Einschränkungen im Alltag und den verschiedenen Lebensbereichen und dem Selbstwertgefühl abhängt. Wenn die Symptome besonders stark ausgeprägte sind oder in mehreren Lebensbereichen auftreten, wird eine medikamentöse Behandlung erwogen, da diese die Kernsymptomatik und auch begleitende Symptome verbessern kann. Die Wahl der Medikamente, bzw. der Psychotherapiemöglichkeiten sollten zu verbesserter Selbstkontrolle, Symptomreduktion und verbessertem Selbstmanagement führen.

 PS: ADHS und Gesellschaft:

Es gibt eine gesellschaftliche Dimension bei ADHS durch die auswanderungsbedingte genetische Selektion der Bevölkerung von Europa und Osteuropa. So kam es seit dem Mittelalter zu größeren Auswanderungsbewegungen, die in der frühen Neuzeit noch verstärkt wurden. Die Menschen waren motiviert durch existenzielle Bedrohung, Konflikte der Nationalstaaten, Religion, Hungersnöte oder Naturkatastrophen. Langjährige Unterdrückung, Ausbeutung, Demütigung war für Menschen mit einem ausgeprägteren und rigideren Gerechtigkeitssinn eher ein Motiv, sich eine neue Heimat zu suchen. Die Bereitschaft für ein höheres Risiko trifft eher  auf Menschen zu, die ADHS hatten. Die Risikobereitschaft, eine gefahrvolle und ungewisse Reise anzutreten, hinderte ADHS-Menschen weniger. Ausdauer, Hypofokussierung und Jägermentalität prädestinierten im Kampf um Land und Einfluss im Gegensatz zur nativen Bevölkerung. Die dadurch oft bewirkte Auslöschung der Ureinwohner und die grausamen Exzesse und Übergriffe waren hierbei die Kehrseite derartiger Entwicklungen. Viele Piraten wanderten aus Europa ein, wurden angelockt von den Möglichkeiten eines Outlaws. Sie zeichneten sich durch Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und Brutalität aus, andererseits wurde unter ihnen auch die erste demokratische Grundordnung und Altersversorgung schriftlich formuliert.

 Europa erlebte in den letzten Jahrhunderten einen steten Abzug einer bestimmten ADHS-disponierten Menschengruppe. Dies führte zu einer situativen Verdichtung eines genetisch disponieren Bevölkerungsanteils in den Vereinigten Staaten und anderen Einwanderungs-ländern, andererseits zum Verlust eines entsprechend disponierten Anteils der zentraleuropäischen Bevölkerung. Gegenwärtig ist dieser Prozess teilweise umgekehrt, Europa ist seinerseits Ziel der Einwanderung auch entsprechend geprägter Menschen geworden.